Sehr geehrte Bundesregierung,

„Bitte lesen Sie diese Zeilen nicht als Anklageschrift, sondern als aufklärende Information – ich denke viele unserer Arbeitsweisen und Beschäftigungskonstellationen sind Ihnen schlichtweg fremd.“ 

Eine Einzelunternemherin erkennt Aufklärungsbedarf

Ich möchte Ihnen ALS EINE VON VIELEN BETROFFENEN im Folgenden aufzeigen, womit ich als EPU und alleinerziehende Mutter im aktuellen Corona-Alltag konfrontiert bin.

Ich bin 46 Jahre alt, wohne in Wien und bin alleinerziehende Mutter von zwei Kindern (10 und 13 Jahre alt/Doppelresidenzmodell). Teilzeitbeschäftigung im Angestelltenverhältnis. Dazu freiberufliche Tätigkeit als Werbetexterin. 

Mein „gemischtes Arbeitsverhältnis“ hat sich aus einer wirtschaftlichen Notwendigkeit und der familiären Situation ergeben. Mit einem Fulltime-Job als Floristin könnte ich als alleinerziehende Mutter weder genug verdienen, noch meine Kinder entsprechend betreuen. Die zusätzliche selbständige Arbeit als Werbetexterin (im Homeoffice) ermöglicht es mir für meine Kinder da zu sein und wenn sie außerhäuslich betreut werden und in den vielen nächtlichen  Arbeitsstunden genug zu erwirtschaften, um leben zu können. 

ANGESTELLTENVERHÄLTNIS:

  • angestellt seit 2001 in einem Blumengeschäft (wurde 16.3. behördlich geschlossen)
  • nach der Geburt der Kinder (2006 und 2009) in Teilzeit (20 Wochenstunden). 
  • derzeitiges Monatsgehalt/netto: 1.097,33
  • seit 26.3.2020 zur Kurzarbeit Modell 90/10 angemeldet; bei positivem Bescheid: 900,00/Monat

SELBSTÄNDIGE TÄTIGKEIT:

  • seit 2011 (nach der Trennung vom Partner und Vater der Kinder) 
  • durchschnittlicher Jahresumsatz der letzten 9 Jahre: 27.933,06 (6.983,26 pro Quartal)
  • voraussichtlicher Umsatz im kommenden Quartal (fixe Zusagen): 3.000,-

Aus dieser Arbeitssitutioan ergibt sich die gesetzlich vorgeschriebene 

#DOPPELVERSICHERUNG
– bis dato ein Ausschließungsgrund für den Härtefallfonds (ungeachtet der Tatsache, dass ich die letzten neun Jahre über regelmäßig Steuern und Sozialversicherung für beide Tätigkeiten geleistet habe).

#DURCHRECHNUNGSZEITRAUM
da sich das Einkommen von uns EPU’s von Monat zu Monat stark unterscheiden kann (weil die Verrechnungszeiträume für Projekte einfach sehr divergieren), ist es wichtig, längere Durchrechnungszeiträume für die „Verluste“ und daraus folgenden Unterstützungszahlungen heranzuziehen. Ein einzelnes Vergleichsmonat im abgelaufenen Kalenderjahr heranzuzuziehen, könnte für mich fatale Folgen haben, da es Monate gibt, in denen ich KEINE EINZIGE Rechnung stellen kann.

#AUFTRAGSLAGE
die meisten meiner AuftraggeberInnen sind ebenfalls selbständig und haben mit ähnlichen unsicheren Zeiten zu kämpfen wie ich. Viele haben sich schon bei mir gemeldet, gefragt wie es geht und mir versichert, dass sie gerne wieder mit mir arbeiten werden; aber verständlicherweise jetzt ein wenig abwarten müssen, wie sich die Dinge entwickeln. 

„In meiner Branche weiss man quasi nie was kommen wird. Ich bin daran gewöhnt, nur kurzfristig planen zu können. Doch jetzt ist vorhersehbar, dass in den nächsten Wochen wenig Aufträge auf mich zukommen werden.“

Eine Einzelunternehmerin, die in eine unsichere Zukunft geht

Und nun komme ich wohl zu jenem Punkt, der die aktuellen Herausforderungen der Arbeitssituation noch drastisch zuspitzt:

#HOMESCHOOLING
Vorausgeschickt: Ich sehe es als meine Verantwortung, für meine Kinder da zu sein und sie bestmöglich zu unterstützen. Dennoch bringt mich das HOME-SCHOOLING in Kombination mit meinem HOME-OFFICE an viele Grenzen – organisatorisch, zeitlich und auch persönlich. Wir haben einen Laptop für drei Personen zur Verfügung; die Kinder sind noch nicht versiert genug, um mit Lernplattformen oder Onlinetools, völlig selbständig arbeiten zu können und manche Lehrkraft ist wohl ein wenig überambitioniert in ihren zeitlichen Vorgaben. 

Generell sind die Schulen wahnsinnig bemüht, dennoch ist der Druck (auch auf die Kinder) deutlich spürbar. Sie sind daher verunsichert und haben verstärkt Redebedarf. 

In Summe entwickelt sich das Homeschooling für mich zu einem EIGENEN JOB, den ich unentgeltlich, verantwortungsvoll und mit grösstem Engagement erledige. Der mir aber auch viel von jener Zeit und Kraft raubt, die ich brauche um meiner Arbeit nachzukommen. 

Die Aussicht, dass die Schulen bis Mitte Mai geschlossen bleiben oder in diesem Semester gar nicht mehr aufsperren werden, kann ich mir derzeit noch nicht in Zahlen umrechnen. Doch es wird meine negative Erwerbsbilanz signifikant verstärken, soviel ist sicher!


ZUSAMMENFASSEND
Hochgerechnet werde ich in den kommenden Monaten 1.400,- netto pro Monat zur Verfügung haben. Die Miet- und Betriebskosten für Wohnung und Büro machen 1.087,- aus. Energiekosten 140,- Internet 51,00 Telefonie 30,- zum Leben für drei Menschen bleiben voraussichtlich 92,-/Monat.

Mir bleibt derzeit nichts anderes übrig, als in der Selbständigkeit weiterzuarbeiten und mit diesen, mehr als halbierten Umsatzaussichten (zum Kurzarbeitsentgelt) das Auslangen zu finden oder von Familie und Freunden unterstützt zu werden, OBWOHL ich immer gearbeitet und Abgaben gezahlt habe. Sowohl der WGKK als auch der SVa.

Ich bin niemandem etwas neidig und ich weiss, es gibt Menschen, die trifft es noch härter als mich.

Woran ich mich jedoch nie gewöhnen werde können – in welcher Situation auch immer – ist Ungerechtigkeit. Und so will ich auch nicht glauben, dass Fleiss und Anstrengung so missachtet werden und man in Krisensituationen einfach fallengelassen wird.  

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